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[heft 1] [jänner 2011] wien - st. wolfgang
Mein Bruder Kain - Mein Bruder Abel
Erika Danneberg
Alles, was die Leute später über meine Brüder erzählt haben, ist falsch.
Damit meine ich nicht, daß sie Lügen erzählen wollten. Aber eine Geschichte wie die unsere hat es in sich,
daß jeder sie später erzählt, als ware er selber dabei gewesen und als wären es seine eigenen Brüder,
von denen die Rede ist. Und so macht sich jeder unsere Geschichte nach seinem eigenen Wunsch zurecht –
zu seinem eigenen Trost – und vielleicht auch zu seiner eigenen Strafe.
Denn das könnt ihr mir glauben: jeder Mann, der einen Bruder har, wünscht irgendeinmal,
ihn zu töten, und hat irgendeinmal Angst gehabt, von ihm getötet zu werden; und so haben sie recht zu
sagen, daß jeder Kains Zeichen trägt.
Seht mich nicht so erschrocken an, ihr beiden, Kains Söhne, als wäre es Lästerung, was ich sage:
ihr wißt sehr gut, daß es wahr ist. Und du, Kains Tochter, denke nur nicht, ich solle schweigen und
deine Brüder nicht erschrecken. Kain hat euch nicht zu mir geschickt, damit ihr mein Schweigen hört,
oder irgend ein freundliches oder böses Märchen, das ich euch erzählen könnte. Kain hat euch zu mir
geschickt, damit ihr die Wahrheit erfahrt. Daran erkenne ich meinen Bruder kain: daß er so sehr wünscht,
ihr solltet die Wahrheit wissen, und so Angst hat davor, sie auch selber zu sagen. Er hat euch zu mir
geschickt, weil er weiß: ich werde euch erzählen, wie es wirklich war.
Wie es wirklich war, wissen nur Kain und ich, und wir haben bis heute geschwiegen.
Kain hatte guten Grund, die Tat auf sich zu nehmen, und ich hatte guten Grund, ihn die Tat auf sich nehmen
zu lassen. Aber wenn bisher Zeit war zu schweigen, so ist jetzt Zeit, zu reden: ihr habt ein Recht darauf,
zu wissen. Die andern, die unsere Geschichte anging, sind tot. Adam ist tot und Eva, und Lilith,
die Adam geliebt hat – und unser Bruder Abel ist tot… Nur Kain und ich sind übrig geblieben,
um für die Toten zu zeugen. Kain, so scheint es, fürchtet sie immer noch, sonst hätte er selbst zu euch
gesprochen. Aber ich bin heute eine alte Frau, die keine Angst mehr hat vor der Wahrheit.
Kommt, Kinder, trinkt von meinem Wein und eßt von meinem Brot und von den Früchten aus meinem Garten.
Und rückt näher zum Feuer: meine Geschichte ist lang und die Nacht wird kalt.
Kain und ich sind Zwillingsgeschwister, das wißt ihr wohl – oder hat er euch auch das nicht erzählt? Wir mögen
einander nicht ähnlich sehen, aber wir sind einander ähnlich. Später sind viele Menschen – und viele Männer zu
uns gekommen, und ich hab sie verstehen gelernt durch Beobachten und Vergleichen, mit Kain ist das anders: ihn
kenne ich von innen her und verstehe ihn so gut oder so schlecht wie mich selber – und ich glaube manchmal, das
ist von unserem ersten Schrei an so gewesen und wird so sein bis zu unserem letzten Stöhnen.
Wir wurden bald nach Eden geboren – wenn ich es euch genau sagen soll. Neun Monate, nachdem die Eltern Eden
verlassen hatten – keineswegs freiwillig verlassen, wie ihr wißt. Eva, glaube ich, hat mir das nie wirklich
verziehen: wir waren für sie die lebenden Zeugen ihrer Verfehlung und der Strafe, die ihrer Verfehlung gefolgt
war. In Schmerzen, hat der Herr gesagt, sollst du deine Kinder gebären. Kain und ich waren für Eva die Fleisch
gewordene Strafe des Herrn.
Erst, als ich schon erwachsen war, verstand ich, daß Evas Vorwurf gegen Kain damals größer gewesen sein muß als
ihr Vorwurf gegen mich: ich war schließlich nur ein Mädchen, und einmal – so glaubte Eva, als wir noch klein
waren – würde es mir nicht besser ergehen als ihr. Aber Kain war aus Adams Geschlecht, und Eva meinte,
daß Adam bei der Vertreibung aus Eden glimpflicher davongekommen war als sie. Ich glaube, sie hat es
Adam nie verziehen, daß er die Vertreibung duldete, daß er nicht imstand war, sich gegen den Herrn zu behaupten.
Nun, ihr kennt den Herrn nicht, und auch ich habe nie mit ihm zu tun gehabt. Aber Lilith kannte ihn, und von
ihr weiß ich, daß es schwer war, gegegn ihn aufzukommen. Ich meine es war zuviel verlangt – selbst für einen
Mann -, daß Adam sich gegen ihn hätte behaupten sollen. Aber Eva war durch nichts davon zu überzeugen,
daß irgendetwas, was sie verlangte, zuviel verlangt sein könnte: für sie war Adam seit der Vertreibung
aus Eden ein Versager, und sie ließ es ihn fühlen. Ich glaube, sie hätte zu jener Zeit, da sie schon
gebären mußte, am liebsten nur Töchter geboren, und mit ihnen einen Weiberstaat aufgerichtet und Adam
bewiesen, wie überflüssig ein Mann ist. Aber sie hatte einen Sohn geboren, und sie sah auf Kain mit geheimer
Sorge: er sollte nicht werden wie sein Vater!
Damals als wir klein waren, hatte sich Eva noch keineswegs damit abgefunden, daß Eden für sie verloren war.
Sie muß auch damals schon gewußt haben, daß es keine Rückkehr gab, un ich bezweifle, daß sie eine Rückkehr
wirklich gewollt hätte. Zu der Zeit, an die ich mich selbst schon erinnern kann, ging es uns allen nicht
schlecht: wir hatten ein festes Haus und es gab immer Feuer im herd, das Land ringsum war keien Wildnis mehr,
Garten und Felder trugen Frucht und die Herden gediehen. Viel später erst verstand ich, wie viel Arbeit das
alles gekostet haben muß – und es war schließlich auch Adams Arbeit. Ich habe nie gehört, daß Eva das anerkannt
hätte. Auch noch zu Zeiten, da es uns gut ging, konnte sie Adam vorwerfen, daß er sie ins Unglück gebracht hatte
und daß sie eigentlich zu etwas besserem erschaffen worden war als zu harter Arbeit in Haus und Garten und Feld.
So stand es mit unseren Eltern, als Kain und ich klein waren. Damals war Adam noch ein rüstiger Mann, der sich um
Felder und Herden kümmerte, während Eva für uns Kinder sorgte und das Haus versah. Wenn er heim kam, wünschte er
sein Essen auf dem Tisch und die Stube warm zu finden und machte wenig Anspruch auf Evas Nähe oder Gespräch. Er
war ein schweigsamer Mann, und auch Evas stummen oder lauten Vorwurf ertrug er schweigend. Dieses Schweigen
abends am Tisch unserer Eltern entsinne ich mich heute noch als eine dunkle Last unserer Kindheit. Adam saß
nahe dem Feuer und wartete stumm, daß Eva das Essen auftrüge, und Eva kam mit den dampfenden Schüsseln aus
der Küche, aber sie setzte sich nicht zu Tisch, solange das Essen noch warm war, sondern lief zwischendurch
in den Schuppen, Holz fürs Feuer zu holen, oder in den Garten, um gerade jetzt noch die letzten Beete zu
gießen, und zeigte Adam mit ihrerer gehetzten Geschäftigkeit und noch mehr mit dem erschöpften Ausdruck ihres
schönen Gesichts, daß immer zuviel von ihr verlangt wurde. Manchmal, wenn Adam freundlich sein wollte, sagte
er: „Setz dich nieder, das Essen wird kalt.“ Dann konnte Eva antworten: „Für mich ist die Arbeit noch nicht
zu Ende. Wir sind nicht mehr in Eden, wo ich mich um nichts kümmern mußte.“ Meistens gab Adam darauf keine
Antwort, und wenn Eva sich endlich zu Tisch setzte, aßen sie schweigend, und auch wir Kinder verstummten. Wir
beeilten uns mit dem Essen, und sobald wir fertig waren, schlichen wir uns hinaus in den Garten oder in die
Ställe zum Vieh, und verkrochen uns gemeinsam im weichen Fell eines Schafes, und fanden es dort wärmer und
sicherer als im Haus unserer Eltern. Dann erzählte uns Kain die Geschichten, die er tagsüber von den Hirten
erlauscht hatte: von einem großen Wasser, an das man gelangen konnte, wenn man viele Tage von unserem Haus
nach Westen ging, und von riesigen Menschen, die dort in Steinhäusern wohnten und Schiffe bauten, mit denen
man auf dem Wasser fahren konnte. Und wir versprachen einander, auszuziehen, sobald wir groß wären, ein Schiff
zu besteigen und jenseits des Wassers Eden zu finden. Wir dachten schon fertig zu werden mit dem Herrn; der
unseren Eltern so übel mitgespielt hatte.
Zuerst wurden diese Gespräche von Eva beendet, die Kain zum Holz hacken oder zum Wassertragen brauchte. Wenn
ich dabei helfen wollte, schickte sie mich weg und sagte, ich sei zu klein und zu zart für solche Arbeit.
Später glaubte ich ihr nicht mehr, daß sie mich deshalb wegschickte; da merkte ich schon, daß sie Kain von
mir fern halten wollte. Kain erhob sich, sobald er ihre Stimme vom Haus her vernahm. Eben noch war er mein
Held gewesen, der unser Schiff durch die Wogen nach Eden steurte, aber der Mutter gehorchte er, wenn sie
nur seinen Namen rief: „Sag ihr, sie soll noch einen Augenblick warten, wir sind gleich angekommen“, drängte
ich. „Sie braucht mich“, sagte Kain. „Ich brauche dich auch“, gab ich zur Antwort, „du weißt sehr gut, daß
ich das Schiff allein nicht steuern kann.“ „Geh zum Vater“, sagte Kain, strich mir über die Haare und ging.
In solchen Augenblicken haßte ich Eva, aber damals wußte ich das noch nicht.
Manchmal ging ich dann wirklich ins Haus zum Vater, setzte mich zu ihm ans Feuer und sah ihm zu, wie unter
seinen geschickten Händen, die Holz und Schnittmesser hielten, eine Schüssel entstand, ein Löffel, oder auch
ein geschmeidiger Bogen oder der schlanke Schaft eines Pfeils. Adam liebte es nicht, mich untätig zu sehen,
und wenn ich so neben ihm saß, schob er mir bald auch ein Messer und ein Stück Holz zu und sagte: „Schau zu,
wie man’s macht, und versuch es.“
Dann zeigte ich, was ich von ihm gelernt hatte, und schnitzte eine kleines Boot, jenen großen ähnlich, von
denen Kain uns erzählt hatte. Mein Vater sah mir zu und sagte: „Du kannst schon ganz gut mit dem Werkzeug
umgehen. Aber was du da machst, ist Spielzueg. Mach etwas, was man brauchen kann.“ Dann steckte ich mein Boot
beschämt in meinen Kittel, und schnitzte einen Löffel für Evas Küche.
Manchmal aber ging ich nicht zum Vater, wie Kain mich geheißen hatte, sondern lief einsam in den Garten. An
seinem oberen Ende, wo sich der Garten schon in den Wald verlor, entsprang eine Quelle, deren Wasser sich etwas
tiefer unten am Abhang in einer Steinmulde sammelte. Eva verwendete es zum Gießen, und wenn es lange nicht
geregnet hatte und der Brunnen beim Haus trocken wurde, holten wir auch das Trinkwasser von dort oben. Ich
hockte mich an den Trog und brachte mein Boot zu See, ließ es auf dem dunklen Wasser treiben, wenn der Wind
günstig war, und ruderte kräftig gegen widrigen Wind. Auf der anderen Seite des Troges lag Eden, und ich sagte
zu Kain, der nicht da war: „Ich löse dich ab. Nimm du das Steuer, Kain. Ich sehe Land vor uns!“
Viele Abende unserer Kindheit vergingen auf diese Weise, zwischen Vorwurf und Schweigen unserer Eltern. Aber
manchmal geschah etwas anderes, was mich damals noch sehr erschreckte. Ich erinnere mich gewitterschwüler
Abende, an denen Adam gereizt vom Feld nach Hause kam, bereit, aus nichtigem Anlaß Streit anzufangen. Als
ich ein wenig größer geworden war, merkte ich es schon an seinem Gang und seinem Aussehen, daß ein Gewitter
in der Luft lag, noch bevor er ein Wort gesagt hatte. Dann waren die Falten um die Mundwinkel tiefer als sonst,
seine schnellen Augen musterten Menschen und Dinge, unerbittlich auf der Suche nach einem Mangel, und seine Hände,
denen Kains Hände später so ähnlich wurden, griffen manchmal in die Luft, als wollte er einen unsichtbaren Feind würgen.
Ich wußte dann schon, daß es besser war, Adam aus dem Weg zu gehen und sich keinesfalls in einen Wortwechsel
mit ihm einzulassen – aber Eva wußte das nach vielen Jahren des Zusammelebens mit Adam noch immer nicht.
Adam machte es ihr allerdings auch schwer, zu schweigen, wenn er in solcher Verfassung hereinkam; seine
Unzufriedenheit brach hevor, kaum daß er Eva erblickt hatte: „Das Fleisch, das du mir heute aufs Feld
geschickt hast, war nicht zu essen! Ganz vertrocknetes Zeug.“ Ich drückte mich in einen Winkel der Küche,
die Adam nur betrat, wenn er Streit suchte, und wartete mit Angst, aber wohl auch mit geheimer Freude an
Evas unvermeidbarer Niederlage, was da geschehen würde. Wenn sie nun schwiege, dacht das ängstliche kleine
Mädchen, aber das schadenfrohe, das die Mutter mit altklugen Augen beobachtete, wußte bereits, daß sie nicht
schweigen würde, und schon schoß ihre Antwort Adam entgegen: „Das Fleisch war frisch und zart,
als ich es Kain in den Korb packte. Natürlich, wenn du es stundenlang
in der Sonne stehen läßt … Es war eben ein heißer Tag.“ Mit lustvollem Schaudern hörte ich in Adams
Stimme das erste dumpfe Grollen. „Ich weiß selbst, daß es heiß war. Hast du dir den Garten angesehen?
Wenn ihr nicht bald gießen geht, du und deine Kinder, ist alles verdorrt und ich hab mich wieder einmal
umsonst geplagt.“
In diesem Augenblick wäre noch etwas zu retten gewesen, wenn Eva ihm das Nachtmahl hingestellt und nichts
mehr gesagt hätte. Aber Eva wollte nichts retten, Eva wollte ihr Recht haben.
„Du!“ sagte sie bitter. „Immer nur du! Du redest, als wärst du der einzige Mensch, der sich plagen muß.
Im Schweiße deines Angesichts, hat der Herr gesagt … Beklage dich doch bei ihm, und nicht bei mir!“
Das war das letzte, was sie hätte sagen dürfen. Die Ader auf Adams Stirn schwoll an und er brüllte:
„Der Herr! Zum Teufel mit deinem Herrn und zum Teufel mit dir! Ich habe keinen Herrn! Hier bin ich
der Herr!“ Und er stürzte aus dem Haus, ohne Eva oder uns Kinder noch einmal anzusehen.
Eva blieb mit einem Ausdruck verzweifelten Triumphes an ihrem Herd zurück. Sie verlor kein Wort
über den Vorfall, gab uns zu Essen, ging mit Kain in den Garten, die Beete zu gießen, trug mir auf,
die Küche aufzuräumen, und indem sie dafür sorgte, daß alles weiterging, als wäre nichts geschehen,
zeigte sie uns, wer hier wirklich der Herr war und dieses Haus zusammenhielt.
[kain und abel2 | märz 2011]
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